Mit diesen Worten beschreibt Elena Denisova, eine der weltbesten Violinistinnen, ihr ganz persönliches Gefühl.

Die in Moskau als Tochter eines Geowissenschafters und einer Hausfrau geborene Elena Denisova lernte schon im Alter von vier Jahren bei einer Privatlehrerin die Geigenspiel, mit sechs kam sie an die Moskauer Musikschule, danach an das Konservatorium. Als sie elf war, wurde ihre erste Schallplatte aufgenommen. Sie absolvierte mehrere Meisterkurse und gewann schon in jungen Jahren eine Reihe von internationalen Wettbewerben.
Elena Denisova war Solistin der Moskauer Staatlichen Philharmonie, bestritt bis 1990 in Russland und danach in ganz Europa und darüber hinaus Konzerte als Solistin und hielt Meisterkurse in Dutzenden Ländern ab. Im Jahre 1992 erhielt Denisova, die zwei Jahre zuvor am Klagenfurter Stadttheater und beim Carinthischen Sommer engagiert gewesen war, die österreichische Staatsbürgerschaft.
Denisova, verheiratet mit dem Meisterpianisten, Dirigenten und Festspielintendanten Alexei Kornienko und Mutter eines Sohnes, ist unter anderem Obfrau des Kammerorchesters Collegium Musicum Carinthia, Musikalische Leiterin des Moskauer Nationalquartetts, Obfrau der Österreichischen Gustav Mahler Vereinigung und Intendantin der „Wörthersee Classics“. Bisher gibt es mehr als 20 CDs von ihr. Elena Denisova lebt heute in Wien und Klagenfurt.

Frau Denisova, warum so früh das schwere Geigenspiel?
Mein Großvater, der Geigenbauen zu seinem Hobby gemacht hatte, hat schon vor meiner Geburt immer betont, sein Enkel, egal ob Mädchen oder Bub, müsse Violine spielen. Sein Wunsch wurde erfüllt und ich bin ihm noch heute dankbar.
Während andere Kinder gespielt haben, mussten sie üben?
In der Schule waren es zwischen fünf und sieben Stunden, später bis zu acht Stunden täglich. Heute ist es so: Wenn ich einen Tag nicht übe, höre ich es selbst, bei zwei Tagen hören es meine Freunde und bei drei Tagen das Publikum.
Sie haben Tausende Auftritte absolviert, sind Sie noch nervös?
Natürlich hilft einem die Bühnenerfahrung, einen Auftritt emotionell, geistig und körperlich gut zu bewältigen, aber Nervosität ist immer da. Wer das Gegenteil behauptet, der lügt. Lampenfieber und Aufregung gehören einfach zum Beruf.

Haben Sie Schüler?
Ich möchte nicht mit ehrgeizigen Eltern zu tun haben, die ihr Kind um jeden Preis ein Musikinstrument lernen lassen. Etwas anderes sind die Meisterkurse, die eine bestimmte Herausforderung darstellen.
Sind Sie eine strenge Lehrerin?
Ich bin sehr, sehr rigoros im Unterricht und dulde kein Wenn und Aber, da ich auch mir selbst viel abverlange. Herbert von Karajan hat einmal gesagt: „Nur, wenn du nach Unmöglichem strebst, kannst du alles Mögliche erreichen.“ Das dies Substanz kostet, ist klar.
Wie fassen Sie Ihren Beruf auf?
Ich versuche immer, das Letzte zu geben und so beim Publikum bestimmte Höhepunkte zu erzielen. Durchschnitt ist tödlich. Auch müssen die Zuhörer meine Liebe zur Musik spüren, aber auch, dass ich das für das Publikum mache. Nur Geige zu spielen, ist sicher zu wenig.
Was bedeutet für Sie Erfolg?
Ich empfinde persönlich, dass ich in meinem Leben sehr viele Misserfolge gehabt habe, aber auch genügend Erfolge. Und ich weiß, wie viel an Kraft beides gekostet hat. Jedes nicht ganz gelungene Konzert tut sehr weh und macht mich verzweifelt. Deshalb will ich Erfolg haben, denn ein Interpret ohne Erfolg ist eigentlich nichts.

Welche besonderen Erfolge hatten Sie in der früheren Sowjetunion?
Um Erfolg zu haben, muss Gottes Funke da sein, wo auch immer! Ich habe in der UdSSR in Gefängnissen gespielt, vor Menschen, die wegen Korruption zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden waren. Auch diese Auftritte waren für mich erfolgreich.
Wie halten Sie es mit der Politik?
Politiker ist für mich ein undankbarer Beruf, der wohl eine Berufung sein muss. Du brauchst eine dicke Haut oder einen guten Psychiater. Die Leute erwarten nämlich, dass du jedes Wort, das du von dir gibst, auch nach Punkt und Beistrich erfüllst. Ein begnadeter Beruf ist für mich etwa Lehrer oder Arzt.
Was ist das Geheimnis am Geigenspiel?
Der Klang. Und natürlich die Gestaltung: Die Musik besteht aus dem Klang und der Zeit, in welcher diese Klänge passieren. Als Geigerin bin ich stets bemüht, menschliche Klänge zu erzielen. Das Instrument ist quasi die Verlängerung des eigenen Körpers, das Instrument muss eins mit dir sein!

Man nennt Sie auch die „Piaf der Violine“?
Mir gefällt alles, was über mich positiv und nicht nur allgemein berichtet wird. Für die große französische Chansonette Edith Piaf war die Bühne immer ein Theater, und so empfinde auch ich.
Sie gelten als eine der besten Geigerinnen der letzten Jahrzehnte?
Ich begreife mich nicht als Geigerin unter Geigern, sondern als Geigerin in einem Musikhorizont. Auch halte ich nichts von Vergleichen wie hundertmal wertvoller, zehnmal schneller oder zehnmal stabiler, das gehört in den Sport und nicht in die Musik.
Wie stehen Sie zu den Fernsehstars Andre Rieux und David Garrett?
Zwischen uns liegen, ohne werten zu wollen, Welten: Die beiden Genannten sind im Showgeschäft, ich beherrsche unzählige Varianten der Klassik bis hin zum Experimentiellen. Der absolute König des Geigenspiels ist für mich Jascha Heifetz (* 1901 in Vilnius/Litauen, + 1987 in Los Angeles). Seinen Klang und sein Verhalten mit dem Instrument wird wohl niemand wiederholen können!

Wie viel in Ihrer Kunst macht das Instrument aus?
Jede einzelne Geige ist wie eine andere Frau: Alle sind im wesentlichen gleich, aber doch sind sie alle verschieden. Eine Geige muss mit jemandem zusammenleben, es ist lebendiges Holz. Eine Geige, die nicht bespielt wird, lebt nicht, so wie Perlen, die nicht getragen werden.
Und wie heißt Ihre Geige, Stradivari?
Nein Ruggeri, und der bleibe ich treu! Eine Geige übernimmt nämlich deine eigene Klangempfindung, Wenn man eine Geige „ordentlich bedient“, ist das wie bei einem Lebenspartner: die Geige gibt dir etwas zurück. Leider ist das, wie auch beim menschlichen Partner, nicht immer der Fall.
Wie viel Glück schöpfen Sie aus Ihrem Beruf?
Es ist eine Berufung, und wir Musiker sind sicher glücklicher als Schauspieler. Wir können nämlich im Gegensatz zu jenen auf der ganzen Welt kommunizieren. Wenn du den richtigen Klang triffst, dann bist du überall zu Hause. In meinem Leben hat es viele Glücksmomente gegeben, aber auch weniger glückliche. Ich empfinde mich als eine dankbare Person, da ich viele Ziele erreicht habe.

Warum sind Sie Österreicherin geworden?
Ich habe von diesem Land seit meinem ersten Engagement am Klagenfurter Stadttheater 1990 sehr viel zurückbekommen. Aus so einem Land geht man nicht weg! Auch ist Österreich von der Lebensqualität her ein Paradies, mit sehr umweltbewussten Menschen. Natürlich habe ich als Russin mich anpassen müssen, alles habe ich aber nicht übernommen. Etwas kann ich aber behaupten: Ich glaube, ich kann ruhig hier sterben.
Welche Ziele möchten Sie noch verwirklichen?
Ich möchte einmal eine Geigerin spielen, beim Theater oder noch lieber beim Film, wo man mehr Personen und ein breiteres Publikum erreicht. Ich könnte mir eine Rolle als weiblicher Paganini vorstellen, in einem Schauspiel über die vielen Facetten einer Geige. Mein Ziel ist es, mehr Interesse für Konzerte zu wecken und die heute sehr elitäre Kunst der klassischen Musik ein bisschen breiter zu machen.

Haben Sie jemals etwas bereut?
Es gibt im Leben immer etwas zu bereuen. Ich versuche aber, prinzipiell nichts zu bereuen, sondern zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Schluss zu ziehen und den nächsten Weg zu gehen. Mein Ziel ist es, aus der jetzigen Situation heraus etwas Besseres zu machen, denn: „Jeder Tag ist ein neues Geschenk.“

Geschrieben von: Arno Wiedergut Fotografiert von: KK Donnerstag, den 12. August 2010 um 06:31 Uhr









